Pater Hubertus Pauels
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Dein Wille geschehe

 

Der betende Mensch

Wir leben in einer Zeit der radikalen Gegensätze. Einerseits zeigen die Statistiken der einzelnen Städte und Länder ein beinahe unaufhaltsames Abgleiten unserer weltanschaulich, vor allem durch die Kirche erfassten Gruppen und Schichten in religiöse Gleichgültigkeit, sodass wir nur noch geringe Empfänglichkeit für das Wirken der Gnade erkennen können. Andererseits bildet sich Gott ganz auffallend stark eine kleine Herde. Die ebenfalls täglich wächst und eines Tages jene unübersehbare Schar zu werden verspricht, die vom Seherblick des hl. Johannes in seiner geheimen Offenbarung bereits geschaut wurde und die das Antlitz aller Völker selbst verwandelt. Jene kleine Herde findet sich in der Katakombenverborgenheit der nächtlichen Anbetung und in den Morgenstunden des eucharistischen Opfers, aber auch in den Werkpausen der Groß- und Kleinbetriebe, in den Stunden harter Schulungsarbeit kleiner Zirkel, stets jedoch trifft sie sich an den Stätten sozialer Hilfsbereitschaft und beim entsagenden Dienst im Kreise der eigenen Familie und in dem Kreis der Einsamen und Vergessenen.

 

Menschen der Gnade

Die zu dieser kleinen Herde gehören, sind gesiegelt mit einer ganz seltsamen, starken Geistesgabe, von der bereits der göttliche Meister mit solchem Jubel gesprochen: Jene Menschen schauen tief in die Geheimnisse des Gottesreiches, selbst in die Geheimnisse des dreifaltigen Gottes. Sie tragen etwas in sich von dem großen Geistererlebnis des hl. Paulus, der seinen Römern jenes viel beachtete Wort schrieb: „Der Geist bringt es unserem Geiste zum Bewusstsein, dass wir Kinder Gottes sind.“ Sie fühlen in sich einen unwiderstehlichen Drang, stets tieferin die Erkenntnis des göttlichen Herzens einzudringen, um ganz mit der Fülle seines Lebens undLeidens, seines Hoffens und Handelns erfüllt zu werden.

Wie oft bin ich jenen Menschen begegnet, gerade dort, wo ich nur erdgebundene Wesen zu sehen glaubte. Auf der Straße, im Betriebsraum und auf dem Kontor, aber auch in der Schule und im Atelier junger Künstler, sogar – und das nicht selten – im Schützenloch und im Gefangenenlager. Sie alle hatten jenen seltsamen Drang nach den Geheimnissen der Gnade, die stärker zu ziehen schien als der stärkste Magnet. Als ich jene sah, verstand ich etwas von dem idealen Pauluswort, das aus seinem römischen Gefängnis nach vierjähriger Haft seiner Lieblingsgemeinde Philippi geschrieben wurde: „Christus ist mein Leben, Sterben mir Gewinn – ich erachte alles für Verlust gegenüber der alles übertreffenden Erkenntnis Jesu Christi, meines Herren. Um seinetwillen habe ich alles für Unrat erachtet, um Christus zu gewinnen.“ Ich kann nur bestätigen, was einer der bedeutendsten Kenner des höherenGnadenlebens unserer Zeit geschrieben: „Die Zukunft gehört den Menschen der Gnade, der Mystik.“

Dieser Drang nach dem Gebet ist an und für sich das Gottesgeschenk eines jeden Menschen, der sich dem eucharistischen Herrn nähert. Denn der göttliche Meister wies seine verbohrten Gegner auf jenes geheimnisvolle Gesetz hin, dass niemand zu ihm, dem eucharistischen Heiland, komme, wenn ihn nicht der Vater selbst ziehe. Woran liegt es denn, dass im Grunde doch nur wenige Menschen zu dieser Schau in die eucharistischen Geheimnisse kommen? Die hl. Theresia, die größte Seherin der Neuzeit, hat es klar gesagt und Franz von Sales, der Kirchenlehrer, hat es bestätigt: Nicht an Gott liegt es, sondern an uns. Die Sonne herrlicher Gotteserkenntnis strahl, nur möchte der Mensch weiter schlafen – und öffnet nicht sein Auge oder er möchte weiter im Schmutz und Sand herumwühlen – und hat kein Interesse für die geheimnisvolle Sternenwelt der Gottesgnade. Wer die Weisheit dieses inneren göttlichen Lichtes erhalten will, erhält sie. Denn Jakobus, der tief in das sakramentale Leben de Evangeliums geschaut, schreibt es mit fester Hand: „Wenn es einen von euch an der Weisheit gebricht, so erbitte er sie von Gott, der allen reichlich gibt und nichts vorenthält, - und sie wird ihm gegeben werden. Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht.“

 

Reichtum des Inneren -

Doch die erste Gnade wird stets die Reinigung des Seelenauges sein, die gar oft schmerzlich ist.Denn nur wer reinen Herzens ist, wird Gott schauen. Und wäre die ungeordnete Anhänglichkeit an das Geschaffene, die Verunreinigung der Seele so klein wie ein Sandkorn oder ein Rußteilchen, - das Auge wird nicht sehenkönnen, es beginnt zu tränen, sodass alles sich verwischt.

Die zweite Gnade, die Gott einem solchen Beter gibt, ist das Wunderlicht der Liebe. Es ist kein Zufall, dass gerade Johannes, der Jünger der mystischen Schau des göttlichen Herzens, uns den Satz hinterlassen hat: „Wer nicht liebt, erkennt Gott nicht.“ Ihm sollte es ein Großer der Erden nachsprechen: „Wär’ mein Aug’ nicht sonnenhaft, wie würde es die Sonne schauen.“ Nur wer wahrhaft das Gesetz der Liebe erfasst, die einzig in der Erfüllung des göttlichen Willens, in der Beobachtung der Gebote und der Räte des Herrn besteht, erkennt in sich eine neue Welt und entdeckt zu seinem größten Erstaunen, dass jenes Wort des scheidenden Heilands doch Wirklichkeit geworden ist: „An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in euch bin und ihr in mir seid.“

Diese Zauberwelt des Gnadenlebens ist eine Welt ganz eigener Art. Sie hat ihre eigenen Gesetze und Kräfte, ihre eigenen Überraschungen und Leiden. Die Menschen dieser Innenwelt scheinen dem Wechselspiel natürlicher Kräfte und Triebe entrückt zu sein. Ohne ein Wort der Klage ertragen sie bitteren Hunger, aber mit dem Aufgebot ihrer letzten Kraft schleppen sie sich hin zum eucharistischen Tisch. Monatelang tragen sie die Einsamkeit einer Gefängniszelle, ohne das geringste Zeichen eines Verlangens nach Freiheit. Aber sie schreien auf mit dem Gekreuzigten, wenn ihre Seele die Einsamkeit der Gottesverlassenheit spürt.

 

- wirkt nach außen

Und doch greifen sie mächtig in das Leben dieser Welt ein, wie die Seele, die auch nicht von dieser erdgebundenen Materie stammt, in das Leben des Leibes mit souveräner Gewalt eingreift. Nicht vergebens haben alle Kirchenhistoriker auf die eigenartige Tatsache den Nachdruck gelegt: dass diese Menschen der vollendeten Gnade und des gottschauenden Betens die größten Werke der Kirche geschaffen haben. Wir brauchen nicht auf den hl. Paulus als Kronzeugen zurückzugreifen, der von sich selbst sagen konnte: Ich habe mehr gearbeitet als alle Apostel;“ auch nicht auf Franz Xaver, Theresia und Franz von Sales. Die Priester der Bannmeile von Paris, deren Leben und Beten der katholischen Welt vorgelegt wurde, redet eine deutliche Sprache. Wer hat nicht erlebt, dass das stille Heldentum des Alltags nur einem betenden, Gott besitzenden Menschen möglich ist.

 

Einheit im Tiefsten

Und doch – so groß die Macht dieses Betens um Erkenntnis der Geheimnisse Gottes sein mag, so verlockend die Speise und so süß die Wonne ist, die der Herr durch das Gebet uns reicht, - die Vollendung des Gnadenlebens ist es nicht, es ist nicht der stärkste Grad der Gottesgemeinschaft, die uns auf Erden geboten werden kann. Größer und herrlicher ist jene Gemeinschaft, wo Herz an Herz, Wille an Wille sich schmiegt. Es ist nicht das Beten um Gottes Geheimnisse, sondern nur um Gottes Willen. Der Mensch lernt dann jedes Wort verstehen, das der göttliche Meister als schönste Offenbarung der Innenwelt seines Herzens hinterlassen hat: „Der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er selbst tut.... Dann was der Vater tut, tut auf gleiche Weise der Sohn.“ Dies ist das tiefste Geheimnis dieser Menschen: Sie handeln nur nach dem Lichte des göttlichen Willens, sodass jedes ihrer Werke, jede ihrer Taten, ja selbst jeder ihrer Gedanken geboren ist aus diesem Lichte.

In solchen Menschen leuchtet ein Stück Christusleben und Christuswirklichkeit. Sie denken und wollen Christus, sie lieben und schaffen wie Christus, sie verzeihen und leiden wie Christus. Sie sind so erfasst von der Schönheit, Macht und Weisheit des göttlichen Willens, dass sie nur um das eine bitten: diesen Willen stets erkennen und verwirklichen zu dürfen. Noch immer beuge ich mich vor einer leidgeprüften Witwe, die ich auf einem Feldwege bei einem Handkarren traf, die nur das eine Gebet kannte, aus dem sie täglich ihre Kraft schöpft: „dass dein heiliger, allweiser, allgütiger und allmächtiger Wille an mir in Erfüllung gehe: ich bitte dich, erhöre mich.“

Gibt es ein christlicheres Gebet als zu bitten, dass nur Gott geehrt, nur sein Wille erfüllt, nur seine Liebe erkannt und geliebt werde, mag das eigene Wünschen und Wollen auch unbeachtet bleiben?

Jedes Beten um Schau in die geheimnisvolle Welt Gottes ist Täuschung und dem Irrtum unterworfen, aber dieses Beten ist stets frei von der Gefahr, dass der Mensch seinem eigenen Licht und seinem eigenen Wollen folgte. Diese Menschen trotzen jedem Sturm und meistern jede Situation, da in allem Gott ihnen seinen Plan und seinen Willen aufdeckt. Solchen Menschen allein schenkt der göttliche Meister den Vollbesitz seiner Gegenwart, in ihnen wohnt er mit dem Vater und Geist und offenbart ihnen die mitreißende Schönheit und durchdringende Klarheit, die lodernde Glut und die stets helfende Liebe seines Herzens.

Nur ein Herz fand der göttliche Meister, dem er jedes seiner Geheimnisse anvertrauen konnte, sodass keines unbeachtet verloren ging: Das unbefleckte Herz seiner Mutter, das alle Worte Jesu bewahrte und überdachte. Seitdem sie sich die Magd des Herrn genannt, an der nach Gottes Wort und Willen geschehen möge, wurde ihr das fleischgewordene Wort für immer anvertraut, nicht nur als Weihnachtsgeheimnis, sondern auch als Licht der Oster- und Pfingstgnade. Um das große Wunder der Hochzeit von Kana zu vollziehen, hat sie nur das eine Wort für die Diener: „Was er zu euch sagt, das tut!“ So weist sie uns den Weg, um selbst im farblosen Alltag den perlenden Wein gottinnigen Lebens zu schöpfen: stets in demutsvoller Liebe hinzuhorchenauf das Wort, das er als seinen Willen uns kündet, - und es zu tun in Treue und Beharrlichkeit.

Der Aufsatz von Pater Hubert Pauels erschien in der Zeitschrift „Licht“ in der Nummer 12 im Jahre 1948 und wurde für das Internet abgeschrieben.

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